Gesundheitsvorsorge: eine starke Tradition im Ayurveda

Gesundheit und Glück bedingen einander. „Ein gesunder Mensch ist ein glücklicher Mensch und ein glücklicher Mensch ist ein gesunder Mensch“ so heißt es im Ayurveda.  Die klassischen ayurvedischen Texte Caraka Samhita und Ashtanga Hrdayam widmen jeweils den ganzen ersten Abschnitt (etwa ein Drittel des Kompendiums) allein der Gesundheitserhaltung. Der Mensch wird als Individuum im Tagesablauf, im Jahreszyklus, im Lebenszyklus und in Auseinandersetzung mit den Umweltfaktoren beschrieben. Die Bedeutung von reinem Wasser und sauberer Luft, gesunder Ernährung und gesunder Lebensweise wird ausführlich diskutiert. Die Drei Doshas werden als Grundlage für die individuelle Gesundheit, die Konstitution (Sanskrit: Prakrti) erläutert. 

Gesundheitserhaltung, sprich Gesundheitsvorsorge (medizinisch auch „Gesundheitsprävention“ genannt) wird im Ayurveda großgeschrieben. Oft wird Ayurveda gar mit Gesundheitsvorsorge gleichgestellt, der „Wissenschaft vom Leben“ wird die Behandlung „ernster Krankheiten“ nicht zugetraut. Ayurveda ist jedoch weit mehr als ein antiker Gesundheitsratgeber. 

Die Schulmedizin definiert Gesundheit als „Abwesenheit von Krankheit“. Gesundheit wird als statischer Grundzustand gesehen, für den man fast nichts tun müsse, auf den man gar einen Anspruch habe. Im Gegensatz zur modernen Medizin sieht Ayurveda den Menschen im stetigen Energiefeld des Kosmos zwischen Ganzheit/Gesundheit und Störung/Krankheit hin- und herrollen. Eine Sichtweise, die Krankheit in frühen Stadien erkennen und verhindern kann, wo die Schulmedizin noch gar keine Pathogenese (sprich: Krankheitsentstehung) vermutet hätte. Die Rolle des Arztes definiert sich deshalb nicht primär als Bekämpfer von Krankheit, sondern als Gesundheitserhalter und Gesundheitsförderer. Ein weiser Ansatz, denn so kann gesunde Gesellschaft entstehen, und viel Leid verhindert werden. Man denke nur an die moderne Plage der Zivilisationskrankheiten: Fettleibigkeit, Bluthochdruck, Diabetes und oft darauf folgenden Herzinfarkt oder Schlaganfall. Krankheiten, die den Menschen und das Gesundheitssystem teuer zu stehen kommen. 

Einzigartig ist die Drei Dosha Lehre des Ayurveda, denn sie ermöglicht, dass jeder Mensch sein individuelles Gleichgewicht erkennt, welches ihm Gesundheit und langes Leben schenkt. Vata Typen besitzen die Qualitäten kalt, trocken, rau, schnell und leicht in hohem Maße und benötigen warmes, süßes und nährendes Essen sowie nährende Begegnungen. Sie profitieren von Milch und Ölmassagen zur Gesundheitserhaltung. Pitta Typen sind qualitativ heiß, ölig, schnell, leicht und zielgerichtet und benötigen nährende aber kühlende Speisen und kühle Umgebungen wie etwa eine Seenlandschaft. Ghee (das ayurvedische Butteröl) dient der Gesundheitserhaltung für Pitta. Kapha Typen sind kalt, schwer, ölig und schleimig und benötigen leichte, trockene und wärmende Nahrung und eine Umgebung und Arbeitsatmosphäre, die ihnen genug Anreiz bietet, denn sie neigen zu großer Trägheit. Honig dient der Gesundheitserhaltung und als Heilmittel für den Kapha Typ. 

Da jedes Individuum eine gemischte Konstitution hat, ist es Aufgabe des Arztes gemeinsam mit dem Menschen das individuell benötigte Gleichgewicht zu ermitteln und mit ihm die besten Möglichkeiten zur Gesundheitsprävention zu erörtern. Unsere moderne Zivilisation ist in hohem Maße von Vata (Luft und Raum, das schnelle, unbeständige Informationszeitalter) geprägt. Deshalb steht die Reduktion von Vata im Vordergrund der allgemeinen ayurvedischen Gesundheitsprävention. 

So wandelt sich der Arztberuf vom Bekämpfer von Krankheiten zum humanitären Aufzeiger von gesellschaftlichen Defiziten, die das Individuum krank machen könnten. Wird das Individuum letztendlich doch krank, bieten die klassischen Ayurveda Texte in den nächsten Abschnitten eine ausführliche Systematik zur Krankheitsentstehung und Krankheitsbehandlung jeglicher bekannter Krankheiten an. 

Ayurveda ist eine Medizinwissenschaft, die Gesundheit nicht als „Beseitigung von Kranheit“ definiert. Gesundheitserhaltung gilt für sich allein genommen als präzise Wissenschaft und als vorrangige und in hohem Maße respektable Aufgabe des Arztes.